Zverevs kurioser Titel-Moment - Becker sieht noch mehr Majors
Den großen Lacher für die Zuschauer erklärte Alexander Zverev mit einem breiten Grinsen. "Ich dachte, der Stand wäre 5:1", sagte der frischgebackene US-Open-Sieger über den kleinen Aussetzer in der Sekunde seines zweiten Grand-Slam-Triumphs. "Es war ein langes Match, es waren lange zwei Wochen", schob er beim Sender ESPN augenzwinkernd hinterher.
Zverev hatte schlicht nicht realisiert, dass er nach dem Fehlschlag von Ben Shelton nach 3:33 Stunden Spielzeit das Finale mit 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 gewonnen hatte. Sekunden vergingen, ehe der Hamburger in Jubel ausbrach und seinen Vater Alexander senior und seinen Bruder Mischa herzte.
Was blieb, waren Dankbarkeit, die der diabeteskranke Zverev insbesondere seiner Mutter zuteil werden ließ - und Genugtuung. "Gott hat gesehen, wie sehr wir gekämpft haben. Er sagte: 'Das ist dein Jahr, genieß' es einfach.' Im Moment genieße ich es sehr, Tennis zu spielen. Im French-Open-Finale war ich sehr gestresst, heute habe ich es einfach genossen, da draußen zu sein."
Lange hatte Zverev einen Major-Titel gejagt, mehrfach war er dicht dran - etwa 2020 bei seinem Final-Debüt in New York, als er gegen den Österreicher Dominic Thiem nach 2:0-Satzführung noch verlor.
Derzeit kommen die großen Trophäen allem Anschein nach im Abo, nur 14 Wochen nach dem Finaltriumph in Paris folgte der zweite Major-Erfolg. "Vor drei Monaten hätte ich sofort unterschrieben, wenn jemand gesagt hätte: Du gewinnt einen Grand Slam", betonte Zverev.
Doch nun eröffnen sich ganz neue Perspektiven: Auch Platz eins der Weltrangliste, ein weiteres Karriereziel, könnte im Herbst Realität werden, denn der in New York wegen Kniebeschwerden fehlende Spitzenreiter Jannik Sinner hat viele Punkte bis zum Saisonende zu verteidigen. Misslingt ihm das, ist Zverevs Sprung an die Spitze als zweiter Deutscher nach Boris Becker fast zwangsläufig.
Becker freute sich mit dem 29-Jährigen, den er in den vergangenen Jahren oft kritisiert hatte. "Ich habe immer gesagt: Er ist locker gut für fünf Grand Slams, wenn er seine Mentalität hinbekommt", sagte das deutsche Tennisidol in seiner Rolle als Experte bei Sporteurope.tv.
Zverev holt in immer mehr Kategorien auf. Seit Sonntag teilen sich Becker und er etwa den "deutschen Männer-Rekord" von zwei Grand-Slam-Erfolgen in einem Kalenderjahr. Becker gewann 1989 sein Lieblingsturnier Wimbledon und die US Open, Zverev in diesem Jahr Roland Garros und Flushing Meadows.
Zverevs Freundin Sophia Thomalla, die wegen Dreharbeiten nicht in New York war, postete stolz: "He did it again." Der unterlegene Shelton (23) sagte nach seinem ersten Grand-Slam-Finale, was anhand der nackten Zahlen kaum anzufechten ist zu Zverev: "Du bist einer der besten Spieler der Welt, vielleicht der beste in diesem Jahr."
L.Bohannon--NG