Nottingham Guardian - Hamburger Abschiebebeobachterin beendet belastende Tätigkeit

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Hamburger Abschiebebeobachterin beendet belastende Tätigkeit
Hamburger Abschiebebeobachterin beendet belastende Tätigkeit

Hamburger Abschiebebeobachterin beendet belastende Tätigkeit

Merle Abel verlässt nach knapp drei Jahren die Abschiebebeobachtung der Hamburger Diakonie. Sie nennt private Gründe, beschreibt aber auch die hohe psychische Belastung und strukturelle Defizite am Flughafen.

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Merle Abel gibt zum Jahresende ihre Stelle als Abschiebebeobachterin der Diakonie am Hamburger Flughafen auf. Die 37-Jährige war dann knapp drei Jahre im Amt und damit nur wenige Wochen länger als ihr Vorgänger. Als Hauptgrund nennt sie private Umstände; zugleich räumt sie ein, dass die Belastung der Tätigkeit in ihre Entscheidung eingeflossen ist.

Die Stelle ist institutionell zwischen Hilfsorganisation und Staat angesiedelt. Abel arbeitet für die Diakonie, finanziert wird die Abschiebebeobachtung von der Hamburger Innenbehörde. Sie steht Betroffenen als Ansprechpartnerin zur Verfügung, achtet auf die Einhaltung der Menschenrechte und dokumentiert mögliche Grenzüberschreitungen.

Eingreifen darf sie nicht. Ihr Vertrag verpflichtet sie dazu, den Ablauf einer Abschiebung nicht zu behindern. Gerade diese Begrenzung beschreibt Abel als schwierig: Menschen bitten sie in akuten Krisen um Hilfe, während ihre Rolle auf Beobachtung und Dokumentation beschränkt bleibt.

Die Stellenausschreibung für ihre Nachfolge beginnt mit der Frage nach Belastbarkeit und verlangt zugleich Neutralität. Nach Angaben der Diakonie gingen zahlreiche Bewerbungen ein. Ein großer Teil der Arbeit besteht aus schriftlichen Berichten. Jedes Frühjahr wird ein Jahresbericht veröffentlicht.

Der jüngste Bericht dokumentiert unter anderem nächtliche Abholungen besonders schutzbedürftiger Menschen, Kinder in nächtlichen Warteräumen, gefesselte Mütter und Minderjährige, Familientrennungen sowie Abholungen aus Krankenhäusern. Abel war bei diesen und vielen weiteren Fällen am Flughafen anwesend.

Besonders prägend war bereits ihr erster Arbeitstag. Ein Mann, der in den Irak abgeschoben werden sollte, berichtete, sein Bruder sei dort ermordet worden. Er befürchtete nach seiner Rückkehr Haft, Folter oder Hinrichtung. Zunächst wirkte er äußerlich ruhig, schlug dann aber seinen Kopf gegen eine Wand. Abel zweifelte nach diesem Erlebnis, ob sie die Tätigkeit fortsetzen könne.

Sie habe vorher gewusst, was die Aufgabe mit sich bringe, sagt Abel. Dennoch sei die unmittelbare Erfahrung etwas anderes als die rationale Vorbereitung. Bilder aus dem Arbeitsalltag kämen abends wieder hoch. Nach besonders schweren Fällen versucht sie, durch Sport oder Spaziergänge Abstand zu gewinnen.

Zu den gravierendsten Ereignissen zählt für Abel die Abschiebung eines Mannes nach Armenien. Er hatte bereits bei seiner Abholung versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Die unabhängige Beobachtung beginnt erst am Flughafen; bei der Abholung sind nur Polizei und Ausländerbehörde anwesend.

Nach Abels Darstellung wurde der Mann zu Hause mit Pfefferspray überwältigt, gefesselt und von einem Notarzt notdürftig versorgt. Er kam mit hinter dem Rücken fixierten Händen am Flughafen an und stand so stark unter Schock, dass kein Gespräch möglich gewesen sei. Trotzdem wurde er als reisefähig eingestuft und abgeschoben.

In einem weiteren Fall sollte eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern nach Spanien gebracht werden. Die Kinder litten an Asthma; die Mutter bezweifelte, dass ihre medizinische Versorgung dort gesichert sei. Beim Einstieg in das Flugzeug blieb sie stehen. Polizeikräfte überwältigten sie vor den Augen der Kinder. Ihr elfjähriger Sohn schrie und blieb ebenfalls stehen, woraufhin Beamte ihn wegschoben. Abel bewertet den Vorgang aus kinderrechtlicher Sicht als höchst bedenklich.

Abel äußert sich meist nüchtern über solche Situationen und beschreibt, dass sie einzelne Fälle lange beschäftigen. Auf die politische Entwicklung reagiert sie jedoch mit Wut. Ihrer Ansicht nach konzentriert sich die Debatte auf steigende Abschiebezahlen, ohne über die betroffenen Menschen zu sprechen. In der Öffentlichkeit entstehe häufig der falsche Eindruck, es würden ausschließlich Straftäter abgeschoben.

Tatsächlich betreffen Abschiebungen nach ihrer Erfahrung auch Familien, ältere Menschen, Kranke und Kinder. Verschärfungen der deutschen und europäischen Asylpolitik seien am Flughafen spürbar. Abel nennt Zurückweisungen an Grenzen, die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems und strengere Regeln für Abschiebehaft. Die Zahl der beobachteten Familientrennungen habe sich im vergangenen Jahr verdoppelt.

Wie ihre berufliche Zukunft aussieht, ist offen. Abel erwägt, weiter im Bereich Flucht und Migration zu arbeiten, schließt aber einen Wechsel in ein anderes Feld nicht aus. Fest steht für sie zunächst der Wegzug aus Hamburg. Anders als bei ihrem Vorgänger habe nicht ein einzelner Fall zur Kündigung geführt, sondern die Wiederholung belastender Situationen.

Mehrere von Abel beanstandete Probleme bleiben nach ihrem Ausscheiden bestehen. In einem häufig für Abschiebungen genutzten Flughafenbereich fehlt eine barrierefreie Toilette. Die fachärztliche Begleitung ist begrenzt, unabhängige Ärzte außerhalb der Ausländerbehörde fehlen ebenso wie ein systematisches Kinderschutz-Monitoring.

Auch eine zweite Stelle für die Abschiebebeobachtung gibt es nicht. Eine einzelne Person kann daher nicht an jedem Tag am Flughafen präsent sein. Abel kritisiert, dass vorhandene Spielräume für Verbesserungen nicht ausgeschöpft würden, und hofft trotz ihres Abschieds auf Veränderungen.

T.Murray--NG